Blutbasierte Biomarker eröffnen neue Möglichkeiten in der Alzheimerdiagnostik. Sie ermöglichen eine frühe, minimalinvasive biologische Einordnung von Patientinnen und Patienten mit kognitiven Beschwerden. Damit könnten aufwendige, invasivere Verfahren wie Liquoruntersuchungen oder Amyloid-PET künftig gezielter eingesetzt werden.
Autorin
Elke Matuschek
Kompass Gesundheitskommunikation
Aktuell leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung; etwa zwei Drittel davon sind von einer Alzheimer-Demenz betroffen.1 Bis 2050 wird eine etwa 50-prozentige Zunahme auf bis zu 2,7 Millionen Betroffene erwartet.1,2
Die Alzheimer-Erkrankung ist bisher nicht heilbar. Wird sie jedoch früh erkannt, lässt sich der Krankheitsverlauf mit geeigneten Medikamenten positiv beeinflussen, Symptome können gelindert und der Verlust kognitiver Fähigkeiten verlangsamt werden.3,4
Blutbasierte Alzheimerbiomarker halten Einzug in die Labormedizin
Besteht der Verdacht auf eine Alzheimer-Erkrankung, werden heute im Rahmen der Diagnostik zunächst die Anamnese erhoben, die körperliche Verfassung geprüft und die kognitive Leistung mithilfe von standardisierten Verfahren, wie dem Mini-Mental State Examination (MMSE), getestet. Ergänzend werden Labor- und bildgebende Verfahren eingesetzt, um die Diagnose zu sichern. Liquoruntersuchungen ermöglichen den Nachweis bekannter Alzheimer-Biomarker wie Amyloid-β und Tau-Proteine. Ergänzt werden sie durch bildgebende Verfahren wie die Positronen-Emissions-Tomographie (PET), die Ablagerungen von Amyloid im Gehirn sichtbar machen.3
Seit der Einführung blutbasierter Biomarker in die klinische Forschung und inzwischen auch in die diagnostische Praxis gewinnt die Alzheimer-Diagnostik mit Blutbiomarkern an Bedeutung. Venöse Blutentnahmen sind deutlich weniger invasiv als Lumbalpunktionen, kostengünstiger und einfacher durchzuführen. Sie bieten damit im Zusammenspiel mit Laboruntersuchungen und Bildgebung eine niedrigschwellige, schnelle und vergleichsweise leicht verfügbare Orientierungshilfe bei Verdacht auf eine Erkrankung.5-7
Krankheitstypische Veränderungen können bereits Jahre vor dem Auftreten klinischer Symptome nachgewiesen werden (siehe Abbildung 1).8
Die moderne Alzheimerdiagnostik orientiert sich zunehmend an biologischen Krankheitsprozessen. Im Mittelpunkt stehen Biomarker für Amyloidpathologie, Taupathologie und Neurodegeneration im Sinne des AT(N)-Konzeptes. Blutbasierte Biomarker ermöglichen erstmals, diese Prozesse auch außerhalb hochspezialisierter Zentren breiter verfügbar zu machen.
Abbildung 1: Die Akkumulation von Amyloid und Tau beginnt 15 Jahre vor dem Einsetzen der Symptome.
pTau181 und pTau217 – Blutbasierte Biomarker zur Einschätzung einer Alzheimer-assoziierten Amyloid-Pathologie
2025 wurde der Elecsys® pTau181, Plasma Test, zur Unterstützung des Ausschlusses einer Amyloid-Pathologie in Europa zugelassen. Die klinische Leistungsfähigkeit des Elecsys Phospho-Tau (181P) Plasma-Tests mit visuellen Amyloid-PET-Werten als Referenzmethode wurde in einer prospektiven Multicenter-Studie mit Probanden von 18 Klinikstandorten in den USA, Europa und Australien beurteilt. In dieser Analyse zeigte Plasma-pTau181 eine Sensitivität von 83,6 % und einem negativ prädiktiven Wert (NPV) von 93,8 % für den Ausschluss einer Amyloid-Pathologie.9 Seit Mai 2026 liegt für den Elecsys® pTau217-Plasma-Biomarker-Tests die CE-Kennzeichnung vor. Dieser Test basiert auf dem Dual Cut-off Ansatz: Ein positives Elecsys-pTau217-Ergebnis ist einen Hinweis für eine Amyloidpathologie, während ein negatives Elecsys-pTau217-Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf hindeutet, dass keine Amyloidpathologie vorliegt (siehe Abbildung 2).
Abbildung 2: Mögliches Konzept von Plasma pTau21710-12
*Ohne eine begleitende klinische Bewertung rechtfertigt dieses Ergebnis allein keine Diagnose der Alzheimer-Krankheit
„Blutbiomarker wie pTau181 und pTau217 unterstützen die diagnostische Einordnung von Patientinnen und Patienten mit kognitiven Beschwerden. Sie helfen bei der Entscheidung, ob eine weiterführende Diagnostik, beispielsweise mittels Liquoruntersuchung oder Amyloid-PET, sinnvoll ist“, sagte auch Prof. Dr. Eray Yagmur, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Westpfalz-Klinikum. „Blutbasierte Marker erweitern damit die diagnostische Triage und senken die Schwelle für eine frühe Abklärung. Für eine anlasslose frühe diagnostische Einordnung in der Allgemeinbevölkerung sind sie derzeit jedoch nicht vorgesehen.“ Mit der Verfügbarkeit neuer Therapien wird die Bedeutung biologischer Alzheimermarker weiter zunehmen. Blutbasierte Biomarker könnten künftig nicht nur für die Triage vor Liquordiagnostik oder Bildgebung eingesetzt werden, sondern auch bei der Patientenselektion, Therapiebegleitung und Verlaufsbeurteilung eine wichtige Rolle spielen.
Referenzen
- DZNE Faktenzentrale. Verfügbar unter: https://www.dzne.de/aktuelles/hintergrund/faktenzentrale/
Letzter Zugriff: 16.05.2026. - WHO Fact Sheet “Dementia”. Verfügbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/dementia
Letzter Zugriff: 20.05.2026. - AWMF S3-Leitlinie Demenz. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013
Letzter Zugriff: 20.05.2026. - Fox NC et al. Lancet 2025;406(10510):1408-1423.
- Hampel H et al. Nat Aging 2022;2:692–703.
- Schindler SE, et al. Nat Rev Neurol 2024;20:426–39.
- Mielke MM, et al. Alzheimers Dement. 2024;20:8216-8224.
- Jack CR et al.Lancet Neurol 2013;12(2):207-16.
- Roche Methodenblatt pTau181 Plasma. Online verfügbar unter: e61f36a3-0b6c-f011-3091-005056a772fd. Letzter Zugriff: 20.05.2026.
- Brum WS et al. Nat Aging 2023;3(9):1079-1090.
- Hansson O et al. Nat Aging 2023;3(5):506-519.
- Schindler SE et al. Nat Rev Neurol 2024;20(7):426-439.
Prof. Dr. Eray Yagmur, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Westpfalz-Klinikum