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Auf Zukunftskurs: Die Labormedizin von morgen

Veröffentlicht am June 11, 2026 | 10 Min. Lesezeit
Menschen am Flughafen

Die Labormedizin steht vor einem tiefgreifenden Wandel – der „Megatrend“ Gesundheit verändert die Diagnostik grundlegend. Welche Rolle Labore künftig in unserem Gesundheitssystem spielen – und wie sie zum Navigationszentrum der Medizin werden könnten – darüber sprechen wir mit Dr. Patricia Geller.

Komplexere Krankheitsbilder, rasant wachsende Datenmengen und neue Technologien verändern die Labormedizin grundlegend. Gleichzeitig steht die Disziplin – wie viele andere Bereiche des Gesundheitswesens – vor einem zunehmenden Fachkräftemangel.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie das Labor der Zukunft aussehen muss: Wie können moderne Technologien, Automatisierung und datenbasierte Verfahren so eingesetzt werden, dass sie eine hochwertige Diagnostik weiterhin ermöglichen und gute, wirtschaftlich effiziente Therapieentscheidungen daraus abgeleitet werden können? 

Um Antworten auf diese Frage zu finden, begaben wir uns mit Frau Dr. med. Patricia Geller, Vorstandsmitglied der Limbach Gruppe, auf eine Reise in die Zukunft der Gesundheitsindustrie.

 

Bild Fr. Dr. Geller

Dr. Patricia Geller

Vorstandsmitglied der Limbach Gruppe

DiD: Frau Dr. Geller, welche Trends gibt es derzeit in der Labormedizin und welche Auswirkungen haben sie?

Dr. Geller: Darauf möchte ich gern mit einem Gedankenspiel eingehen: Stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen zu Hause beim Abendessen. Plötzlich klingelt es an der Tür. Draußen steht ein Notarzt, dahinter sehen Sie seinen Rettungswagen. Der Notarzt sagt: „Nach unseren Daten werden Sie in den nächsten Minuten einen Herzstillstand erleiden. Deshalb bin ich hier.“ Ein solches Szenario, das heute wie Science-Fiction klingt, könnte mit Blick auf die Transformation im Gesundheitswesen schon bald Realität werden.
 

DiD: Was treibt die Transformation im Gesundheitswesen aus Ihrer Sicht an?

Dr. Geller: Der Motor dieser Entwicklung ist der Megatrend Gesundheit. „Megatrend“ ist ein Begriff aus der Zukunftsforschung und beschreibt langfristige, tiefgreifende Veränderungen, die unser Leben prägen. Der Megatrend Gesundheit steht für die Abkehr von einem reaktiven Reparatursystem hin zu einem proaktiven Verständnis von Gesundheit – geprägt von Prävention, Selbstoptimierung und dem Wunsch nach einem langen, gesunden Leben.
 

Ki generiertes Bild am Flughafen

Bildquelle: erstellt von Dr. Geller unter Verwendung von KI

DiD: Welche Auswirkungen hat das auf die Rolle der Patient:innen?

Dr. Geller: Patient:innen sind in diesem Megatrend keine homogene Gruppe. Es gibt unterschiedliche Patient:innenprofile: etwa die Gesundheitshedonist:innen, für die sich Gesundheitsvorsorge gut anfühlen muss, oder die Selftracker, die ihren Körper als System zur Selbstoptimierung verstehen. Daneben gibt es naturverbundene Typen oder Achtsamkeitspraktiker:innen – um einmal vier idealtypische Profile zu nennen.

Diese Profile veranschaulichen, dass Patient:innen zunehmend vom passiven Empfänger medizinischer Leistungen zum aktiven Manager ihrer Gesundheit werden. Dabei greifen sie intensiv auf digitale Ressourcen zurück. Somit werden Patient:innen auch zu Produzent:innen wertvoller Gesundheitsdaten.

Der Ansatz „One Size Fits All“ hat ausgedient. Vielmehr gibt es verschiedene Strömungen individualisierter Gesundheitslösungen. Beispiele dafür sind die inzwischen weit verbreiteten Health-Apps oder die Nutrigenomik, die auf Basis genetischer Daten personalisierte Ernährungsempfehlungen ableiten. Auch Konzepte wie „Holistic Wellness“ gewinnen an Bedeutung und verstehen Gesundheit als Einheit aus physischem, psychischem und sozialem Wohlbefinden. Ein weiterer Trend ist „Longevity“. Dabei geht es darum, wie Menschen gesund altern können. Darüber hinaus findet man unter diesen Strömungen auch die sogenannte „Femtech“ – also Technologien und Produkte, die speziell auf die Biologie und Gesundheit von Frauen ausgerichtet sind.

Ki generiertes Bild im Cockpit

Bildquelle: erstellt von Dr. Geller unter Verwendung von KI

DiD: Was bedeutet das für die behandelnden Ärzt:innen?

Dr. Geller: Die genannten Entwicklungen setzen voraus, dass Gesundheitsangebote für die Patient:innen selbst zugänglich und nutzbar sind. Die Rolle der Ärzt:innen verändert sich im Zuge dieser Transformation erheblich. Ich vergleiche das Gesundheitswesen der Zukunft gerne mit einem Flughafen: Der Arzt  bzw. die Ärztin sitzt im Pilotensitz, während der Patient bzw. die Patientin mehr und mehr die Rolle des Copiloten übernimmt. Beide agieren also zunehmend auf Augenhöhe.

Patient:innen haben ihre Symptome oft bereits gegoogelt, bevor sie in die Praxis kommen – und bringen eine Vielzahl an Informationen mit, darunter auch Fehlinformationen. Ärzt:innen  müssen sich also zunehmend vom Diagnostiker zu vertrauenswürdigen Kurator:innen medizinischer Informationen entwickeln, die relevante Erkenntnisse bewerten und auf die individuelle Situation der Patient:innen zuschneiden.

Auf die Situation der Ärzt:innen kommt außerdem eine strukturelle Herausforderung zu: Durch den demografischen Wandel benötigen immer mehr Menschen medizinische Versorgung. Allerdings arbeiten viele Ärzt:innen heute nicht mehr als selbstständige Freiberufler:innen, sondern in Anstellung, häufig auch in Teilzeit. Dadurch entsteht ein wachsender Mangel an verfügbarer Arztzeit. Diese komplexe Situation lässt sich nur mithilfe neuer Technologien bewältigen. Künstliche Intelligenz (KI) wird dabei helfen. Sie wird zunehmend große Mengen unstrukturierter Daten zusammenführen, auswerten, Muster erkennen und Entscheidungsgrundlagen daraus ableiten.

Ki generiertes Bild im Cockpit

Bildquelle: erstellt von Dr. Geller unter Verwendung von KI

DiD: Welche Einflüsse haben diese Entwicklungen auf die Labormedizin in Zukunft?

Dr. Geller: In meinem Bild vom Flughafen ist das Labor der Tower – und seine Mitarbeiter:innen sind die Fluglots:innen. Das Labor begleitet die gesamte Patient:innenreise: von Prävention und Früherkennung über Diagnose bis hin zur Therapiesteuerung. Dabei unterliegen Labore besonders hohen Qualitätsanforderungen, denn jeder Fehler kann gravierende Folgen haben. Auch hier passt der Vergleich mit der Flugsicherung sehr gut.

Die Labormedizin ist damit ein unverzichtbares klinisches Rückgrat der Gesundheitsversorgung – gleichzeitig bleibt sie für viele Patient:innen weitgehend unsichtbar. Das Labor der Zukunft muss sich neu positionieren: Es sollte sichtbarer Teil eines medizinischen Ökosystems werden, Ärzt:innen stärker unterstützen und Patient:innen entlang ihrer gesamten Gesundheitsreise begleiten.

Der Innovationsmotor der Labormedizin liegt dabei in der Diagnostikindustrie. Sie bildet gewissermaßen den Maschinenraum der modernen Labordiagnostik. Ohne innovative Reagenzien, hochautomatisierte Analysesysteme und immer leistungsfähigere Geräteplattformen wären viele diagnostische Fortschritte gar nicht möglich. Die Diagnostikindustrie entwickelt die Technologien, die Labore in die Lage versetzen, schneller, präziser und umfassender zu arbeiten.

Auch hier zeichnen sich mehrere Trends ab: Die Entwicklung geht von invasiven hin zu minimalinvasiven Verfahren, von der Analyse einzelner Gene hin zur Auswertung komplexer Big-Data-Algorithmen, von klassischer Früherkennung hin zur Ultrafrüherkennung – und von pauschalen Empfehlungen hin zu personalisierten diagnostischen und therapeutischen Ansätzen.

Ki generiertes Bild am Flughafen

Bildquelle: erstellt von Dr. Geller unter Verwendung von KI

DiD: Welche Risiken und Chancen sehen Sie dabei mit Blick auf die Labormedizin?

Dr. Geller: Ein potenzielles Risiko sehe ich vor allem in den großen internationalen Technologieunternehmen – der „Big Tech“: Google, Apple, Amazon oder Microsoft. Diese Unternehmen haben den Megatrend Gesundheit längst erkannt und investieren strategisch in diesen Bereich.

Damit erschließen sie zunehmend Teile der gesundheitlichen Wertschöpfungskette. In einigen Bereichen könnten neue Technologien sogar klassische labordiagnostische Verfahren teilweise ersetzen. Schon heute gibt es Ansätze, bei denen beispielsweise der Hämoglobin-Gehalt über Fingernägel analysiert werden kann oder aus einer Portraitaufnahme Rückschlüsse auf den Langzeitblutzucker HbA1c gezogen werden.

Mit solchen Entwicklungen muss sich die Labormedizin aktiv auseinandersetzen. Gleichzeitig liegt genau darin auch eine große Chance. Labore verfügen über hohe Qualitätsstandards, regulatorische Legitimation und das Vertrauen der Ärzt:innen. Auf dieser Basis können sie neue Technologien sinnvoll integrieren und die Transformation der Gesundheitsversorgung aktiv mitgestalten.

 

Interviewerin

Portrait Dr. Elke Matuschek

Dr. Elke Matuschek

Kompass Gesundheitskommunikation

[email protected]

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